|”Goldwasserfarm” und “RWF-Kompetenzzentrum”/ RWF IV kommunal-gewerblich

Für die im Stadtgebiet häufig vertretene Gebäudetypologie Gewerbe und für das Berliner Untersuchungsgebiet Mierendorff-Insel, das besonders durch seine innerstädtische Insellage und Akteursstruktur interessant ist, wurde ein gewerbliches Betreibermodell konkretisiert.

Die Berliner Stadtreinigung zählt zu den innovativen kommunalen Unternehmen. Ihre sozial-unternehmerische Verantwortung (CSR) nimmt sie im Bereich der Stoffstromwirtschaft wahr, wofür u.a. die aktuelle Kampagne “Kaputte Helden” [1] steht, wie auch beispielsweise in ihrem Engagements für Barrierefreiheit [2].  Die nachhaltige Unternehmensführung [3] spiegelt sich auch in der Auszeichnung als “einer der besten Arbeitgeber Deutschlands 2016” [4] wider.

Für den BSR-Ausbildungsstandort am Mierendorffplatz 20 wurde deshalb in erster Abstimmung mit den Verantwortlichen der BSR [5] ein innovatives RWF-Betreibermodell entworfen.

Grundidee: Urban Mining plus Water-Farming

Grundidee des BSR-Betreibermodells und ist die Verknüpfung von Water-Farming und Urban Mining in folgender Form [6]:

Auf dem Betriebsgelände, im Anschluss an die Werkhallen:

  • Aufbau eines “Goldwasser-Containers” als mobile Urban Mining Station mit Anschluss an die WC-Abwasserleitungsstränge im Gebäudeteil GT 1: Hier wird das Schwarzwasser von ca. 50 bis 80 Einwohnern/Mitarbeitern aufbereitet und als qualitativ-hochwertiger Flüssigdünger wiederverwertet (Größenordnung analog zur RWF-Pilotanlage für die Schwarzwasser-NPK-Flüssigdüngeproduktion)
  • Anlage von Regenwasserspeichern, um das gesamte Dachabflusswasser zu sammeln

Auf dem Gewerbedach wird eine zweigeteilte Dachgewächshaus-Nutzung wie folgt vorgeschlagen:

  • Gebäudeteil GT 1 (Bürogebäude): Errichtung eines Kantinengewächshauses auf dem Dach mit Indoor-Farming und Wintergartenatmosphäre
  • Gebäudeteil GT 2 (Werkhallen)*: Errichtung eines Produktionsgewächshaus “Goldwasserfarm” zur hydroponischen Produktion von Kantinengemüse bewässert mit Regenwasser und gedüngt mit betriebseigenem Goldwasser (Anschluss an Urban Mining Modul “Goldwasser-Container”)

Anmerkungen:

  1. Auch wenn die Baukonstruktive Einschätzung ergab, dass die Werkhallen im Falle eines RWF-Dachaufbaus statisch ertüchtigt werden müssten, wird das hier vorgeschlagene Betreibermodell als mögliche Strategie mit Anschluss- und/oder Übertragbarkeitspotenzial auf weitere BSR-Standorte der Stadt eingeschätzt. Hier müsste auch eine mögliche Nutzungskonkurrenz mit Photovoltaik geprüft bzw. geschaut werden, inwiefern diese mit dem RWF-Dachaufbau kombinierbar wäre.
  2. Auch wenn zum aktuellen Zeitpunkt (2016) die RWF-Schwarzwassertechnologie noch weiter pilotiert und optimiert wird (z.B. im Hinblick auf offene Fragen zum richtigen Maßstab in Bezug auf Siedlungsgröße, Betrieb und Wartung, Wirtschaftlichkeit etc.), wird der mobile und flexible Ansatz des “Goldwassercontainers” im Kontext eines innovativen gewerblichen Anwendungsfalls als machbare Variante eingeschätzt.

|Bauliche Module “Goldwassercontainer” und “Goldwasserfarm”

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Der Goldwasser-Container, der auf dem Werkgelände, im Anschluss an die Werkhallen platziert werden kann, fungiert als Water-Mining-Modul: Die im Abwasser enthaltenen Nährstoffe Stickstoff, Phosphor und Kalium werden als Ressource in Form von eines NPK-Flüssigdüngers gewonnen, Spuren- und Problemstoffe werden entfernt. Aus dem Schwarzwasser der Betriebstoiletten wird hygienisch-sicheres Goldwasser – als städtischer Flüssigdünger für die lokale Gemüseproduktion bzw. ein lokales Produkt für den möglichen innerstädtischen Export – produziert (siehe auch RWF-Pressespiegel: Berliner Zeitung vom 04.08.2015, Goldwasserfarmer aus Kreuzberg. Autor: Martin Woldt: Berliner zeitung 2015-08-04 Goldwasserfarmer).

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Das Produktionsgewächshaus auf dem ca. 1850m2 großen Werkhallendach (GT 2) baut saisonal angepasst die in Betriebskantinen nachgefragten Gemüsesorten wie Zucchini, Paprika und schnellwachsendes Gemüse wie Spinat (möglich auch Mangold, Pak Choi etc.)[7] an (siehe auch Grafik Produktpalette). Gedüngt und bewässert wird mit dem produzierten Goldwasser und geernteten Regenwasser auf Basis der lokalen, betriebseigenen Wasser- und Nährstoffströme. Das Betreibermodell der neuen “Goldwasserfarm” kann auch als zeitgenössische Form und Innovation für eine betriebliche Selbstversorgung interpretiert werden. Perspektivisch wird hier das betriebseigene Kantinengemüse selbst produziert.

Da es am Standort der Mierendorff-Insel bisher keine BSR-eigene Betriebskantine gibt, könnte auf dem Bürogebäude (GT 1) mit einer ca. 460m2 großen Dachfläche ein Kantinengewächshaus aufgestockt werden. An rund 250 Arbeitstagen im Jahr können die BSR-Azubis und Mitarbeiter mit dem in der Goldwasserarm frisch produzierten Gemüse versorgt werden. Perspektivisch öffnet die RWF-Kantine auch weiteren Mittagskunden im Quartier der Mierendorff-Insel ihre Türen. Atmosphärisch hat das Dachkantinengewächshaus den Charakter eines Wintergartens, in dem durch eine modulare Innenraumbegrünung (z.B. über hydroponic-channel-Regalsysteme oder growing-towers) ganzjährig eine Minimalproduktion von Küchenkräutern und Salaten neben der eigentlichen Hauptnutzung als Betriebskantine stattfinden kann (siehe Grafik Produktpalette Kantinengewächshaus).
Zu anderen Tageszeiten wird das Kantinengewächshaus auch als Veranstaltungs-/Eventraum genutzt und entwickelt sich perspektivisch zum RWF-Kompetenzzentrum (siehe auch Betreibermodell Wohnungsbau).

Produktionsgewächshaus Mierendorff-01|Zusammenfassung

Die wichtigsten Ergebnisse des dargestellten Betreibermodells in Bezug auf die bauliche Eignung und Machbarkeit, die Bedarfsdeckung mit klassischem Kantinengemüse aus dem BSR-Produktionsgewächshaus für die BSR-Betriebskantine und die Bedarfsdeckung mit Bewässerungswasser und Dünger durch Regenwasser und Goldwasser werden im Gebäudepass Gewerbe zusammengefasst (siehe dortige Infokarten Gebäude, Wasser, Farm).

Eine beispielhafte Kosten-Nutzen-Rechnung für eine 1000m2 RWF-Dachfarm im kommerziellen Betrieb findet sich in der Toolbox (siehe z.B. Wirtschaftlichkeit Aquaponik, Wirtschaftlichkeit Hydroponik).

Zusammen mit der RWF-Netzwerkbildung im Quartier entwickelt sich der BSR-Ausbildungsstandort zum RWF-Kompetenzzentrum (siehe auch Netzwerkplan Insellage). Auch andere RWF-Gewächshausprojekte auf Wohnungsbauten (siehe Betreibermodell Wohnungsbau, Gebäudepass Wohnungsbau) können diesen Prozess unterstützen.