|Kommerzielles und nicht-kommerzielles Betreibermodell

Für die im Stadtgebiet häufig vertretene Gebäudetypologie Wohnen und für das besonders interessante Berliner Untersuchungsgebiet Stadtrand/ Marzahn-Hellersdorf mit einer hohen Anzahl standardisierter Typenbauten (“Plattenbauten”) mit hohem Dachflächenpotential [1] [2] [3] wurden mögliche Betreibermodelle konkretisiert.

Am Fallbeispiel Wohnungsbau wird hier die stadträumliche Übertragbarkeit illustriert: Entwickelt wurden ein mögliches kommerzielles Betreibermodell mit Grauwassernutzung und ein nicht-kommerzielles mit Regenwassernutzung. Im Fokus der Standortauswahl und Datenbeschaffung stand eine besonders für die kommerzielle Produktion interessante Mindest-Dachflächengröße von über 1000 m2. Der betrachtete Gebäudekomplex eines fünfgeschossigen Plattenbaus am Belziger Ring (Typ WBS70) mit ca. 520 Einwohnern [4] verfügt über zwei je ca. 1200 qm große Dachflächen. Beispielhaft wurde für eine Plattenbauzeile mit ca. 260 angeschlossenen Bewohnern ein “RWF-Produktionsgewächshaus” als kommerzielle Variante und ein “RWF-Mietergartengewächshaus” als nicht-kommerzielle Variante entworfen.

Da sich zum aktuellen Zeitpunkt (2016) die RWF-Schwarzwassertechnologie noch in der Pilotierung befindet, wird für den Übertragbarkeitsfall Großwohnsiedlung aufgrund noch offener Fragen zum richtigen Maßstab (in Bezug auf Siedlungsgröße, Betrieb und Wartung, Wirtschaftlichkeit) eine mögliche Anwendung noch nicht betrachtet.

|Betreibermodellbeispiel “Produktionsgewächshaus”/ RWF I kommerziell

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Beim kommerziellen Betreibermodell wird ein Produktionsgewächshaus mit Aquaponik auf der  1200m² Dachfläche des Plattenwohnungsbaus am Belziger Ring in Berlin-Marzahn vorgeschlagen. Das kommerzielle Beispiel wählt die RWF-Variante I in Form der kombinierten Fisch- und Pflanzenproduktion gekoppelt mit Grauwasseraufbereitung. [5]

Einfache Produktpalette Aquaponik

Als Aquaponik-Referenzprodukte wurden Wels (Fisch) und Salat (Pflanze) mit saisonal verschiedenen Sorten ausgewählt, die erfolgreich in der  Pilotanlage erprobt wurden. Salat (z.B. Batavia, Endivie, Lollo, Kopfsalat) ist aufgrund seiner schnellwachsenden Eigenschaften und der guten Eignung für den hydroponischen Anbau ein interessantes RWF-Produkt. Als Fischsorte bietet sich afrikanischer Wels (Clarias gariepinus) aufgrund seiner Schnellwüchsigkeit und des guten Geschmacks an. Typische Erträge und beispielhafte Umsätze wurden in Form einer vereinfachten Kosten-Nutzen-Rechnung beispielhaft für die Aquaponik und Hydroponik dargestellt (siehe auch Toolbox: Wirtschaftlichkeit RWF-Aquaponik, Wirtschaftlichkeit RWF-Hydroponik).

Erweiterte Produktpalette Aquaponik

Ergänzend zur vereinfachten Kosten-Nutzen-Rechnung wurden  weitere vermarktungstechnisch relevante, speziell von der hochpreisigen Gastronomie nachgefragte Produkte angedacht. [6] Das Farmdesign kombiniert hier Fisch- und Pflanzenzucht (Aquaponik) und die Produktpalette beinhaltet hochpreisige Pflanzen wie Mini-Gemüse (z.B. Aubergine, Zucchini, Paprika, Gurke) und Feinschmecker-Kresse sowie schmackhafte und schnellwachsende Fische wie Afrikanischer und Europäischer Wels (RWF Varianten I/III). Das Erdgeschoss in den Wohngebäuden könnte perspektivisch für Verarbeitung, Vertrieb und Technik sowie Managementaufgaben mitgenutzt werden und als Schnittstelle der ROOF WATER-FARM zum Stadtraum dienen (siehe auch Netzwerkplan Stadtrand).

Die erweiterte kommerzielle Aquaponik-Produktpalette unterteilt sich in eine Sommer- und Winterpalette. Beweggründe hierfür sind der saisonal und klimaangepasste Nahrungsmittelanbau und die angestrebte Einsparung von zusätzlichem Beheizungsaufwandes des Gewächshauses (vgl. auch Ökobilanz), speziell in den Wintermonaten von Oktober-März:

Produktpalette Sommer

  • Fisch: Afrikanischer Wels (Clarias gariepinus): Warmwasserfisch, schnelles Wachstum, hohe Besatzdichten, guter Futterverwerter
  • Pflanzen: Mini-Gemüse, z.B. Mini-Zucchini „Piccolo F1“: hochpreisiges Produkt, gutes Wachstum in der Sommersaison sowie Kräuter (ganzjährig)

Produktpalette Winter

  • Fisch: Europäischer Wels oder Flusswels (Silurus glanis): robust, Kaltwasserfisch, guter Futterverwerter, omnivor/Allesfresser, hochpreisiges Produkt, Wachstum auch bei kalten Wassertemperaturen
  • Pflanzen: Kresse, z.B. Sakura Mix: hochpreisiges Produkt, Wachstum auch bei kalten Wassertemperaturen sowie Kräuter (ganzjährig) [7]

Eine beispielhafte Kosten-Nutzen-Rechnung für eine 1000m2 RWF-Dachfarm im kommerziellen Betrieb ist in der Toolbox zu finden (siehe z.B. Wirtschaftlichkeit AquaponikWirtschaftlichkeit Hydroponik).

|Betreibermodellbeispiel “Mietergartengewächshaus”/ RWF IV nicht-kommerziell

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Für das nicht-kommerzielle Betreibermodell-Beispiel wird ein Mietergartengewächshaus mit Hydroponik auf der 1200 m² Dachfläche des Plattenwohnungsbaus am Belziger Ring in Berlin-Marzahn vorgeschlagen.

Das anwohnerorientierte Betreibermodellbeispiel fokussiert die RWF-Variante IV in Form der hydroponischen Pflanzenproduktion über Ebbe-Flut-Tische kombiniert mit der Regenwassernutzung.

Für die Wohnanlage am Belziger Ring wird eine Pachtung der Hydroponik-Farmmodule auf dem Dach durch die Bewohner (z.B. Aubergine, Zucchini, Paprika, Gurke) – analog zu dem Modell städtischer Kleingärten, Konzepten der solidarischen Landwirtschaft oder von Mietparzellen auf einem Acker (z.B. nach dem “Meine-Ernte-Modell”) – angedacht. [8] [9] [10]

Eine klassische Mietparzelle auf einem Acker (22 m²) reicht für die Gemüseversorgung von 1-2 Personen [9]. Im Vergleich dazu kann eine RWF-Parzelle (1 m² Ebbe-Flut-Tisch) einen Bewohner mit seinen Lieblingskräutern sowie Salat über eine Anbausaison hinweg versorgen. Ein weiterer Vorteil gegenüber der klassischen Mietparzelle auf dem Acker, ist die Einsparung des Fahrtweges beim hydroponischen Anbau auf dem eigenen Dach. Je nach Engagement und Bedarf können dabei teurere „Rundumsorglospakete“ mit vorgezogenen Setzlingen bis hin zu preisgünstigeren „Do-It-Yourselfpaketen“ zu unterschiedlichen Konditionen und Größen (Single, Paare, Familien/ Freundeskreise) gemietet werden.

Als Betreiberkonstellation wird eine Kooperation zwischen der Kommunalen Wohnungsbaugesellschaft als Eigentümer und Vermieter der Dachfläche und einem Betreiber angedacht (siehe auch Netzwerkplan Stadtrand). Vorstellbar wäre hier ein nachbarschaftliches Farmbetriebs- und Ausbildungszentrum im Sinne eines RWF-Kompetenzzentrums, das Mieterbeete in Form von Hydroponik-Farmmodulen pro m² auf dem Dach vermietet und betreut (RWF-Varianten II/IV). Das Erdgeschoss wird für Produktverarbeitung, Logistik und als Lager genutzt.
Die wichtigsten Ergebnisse der dargestellten Betreibermodelle in Bezug auf bauliche Eignung und Machbarkeit, den Farmbetrieb inkl. Bedarfsdeckung mit Fisch/Gemüse und die Bedarfsdeckung mit Bewässerungswasser werden im Gebäudepass Wohnungsbau zusammengefasst, gegliedert in Farmtyp Aquaponik als kommerzielles Betreibermodell und Farmtyp Hydroponik als nicht-kommerzielles Betreibermodell.